Wasser predigen, aber Champagner trinken?

Bis über das Agenda-Jahr 2010 hinaus wird die breite Bevölkerung Deutschlands den Gürtel enger schnallen müssen. Wer wird uns fortan im Herzogtum Lauenburg die Hiobsbotschaften und Maßhalteappelle aus Berlin überbringen? Vom nächsten Sep­tem­­­ber an vielleicht nicht mehr die Funktionäre der SPD, sondern Herolde des kon­ser­va­tiven Lagers.

Auf einer Versammlung der CDU stellten sich Anfang Juni in Schwarzenbek fünf Her­ren vor, die für die kommende Bundestagswahl kandidieren wollten. Sie gaben über ihre politischen Ziele Auskunft, wobei einiges mehr oder weniger Belangloses ange­fragt und ebenso vieles Bekanntes geantwortet wurde. Einer der Anwesenden schien jedoch alle guten Formen des Anstandes und der politischen Kultur verges­sen zu haben: Ob denn der eine Bewerber, Urenkel des Reichskanzlers Otto von Bismarck, wirklich die Interessen der Wähler vertreten wolle, da er doch vielleicht eher daran interessiert wäre, eine Familientradition neu zu begründen und Politiker zu werden, aber, sichtbar an seinem großspurigen Lebensstil, nicht die Bedürfnisse der einfa­chen normalen Bürger kenne oder im Auge habe. Unter anderem habe er angeblich drei Jahre lang als Dauergast in einem der teuersten Hotels der Welt in Berlin neben dem Bundestag logiert, um dort auf den Einzug ins Parlament zu warten.

Den pöbelhaften Affront dieses offensichtlich mit Neidkomplexen beladenen Denun­zian­ten musste der Moderator der Veranstaltung selbstverständlich helfen abzuweh­ren: Der Versammlungsleiter rief den Umstürzler unter heftigem Applaus nahezu des gesamten, entrüsteten Publikums zur Ordnung: Er solle sich gefälligst vorstellen und möglichst schleunig wieder hinsetzen.

(Graf Bismarck hat bei der letzten Bundestagswahl in seinem Wahlkreis verloren, er stand aber auf einem guten Listenplatz, der ihm die Aussicht eröffnete, nachzu­rüc­ken, sobald ein in den Bundestag gewählter CDU-Abgeordneter hinweg gestor­ben wäre oder auf andere Weise sein Mandat nicht mehr hätte ausüben können. Obwohl der Graf das Ziel nur so knapp verfehlt hatte, wollte man ihm kein offizielles, öffent­lich finanziertes Büro in Berlin zugestehen, also hat man, auf eigene Rechnung, im gerade wieder aufgebauten Luxushotel Adlon standesgemäß Quartier genommen, gleich neben dem Reichstagsgebäude, um dort dem großen Moment entgegenzu­sehen. Und dieser ist nun mit dem Ausschluss der Grünen aus der Regierung Schles­wig-Holsteins wirklich gekommen: Peter Harry (so Bismarck) ist Ministerpräsident geworden, und hat dem gräflichen Urenkel den Stuhl in Berlin freigemacht. Das Adlon ist laut FAZ vom 26. Juni 2005 das zweitteuerste Hotel Deutschlands, die Übernachtung kostet im Durch­schnitt 237 EURO, unter Einbeziehung auch der bescheideneren Zimmer. Hier hat sich Bismarck bestimmt ausführlich Gedanken darüber gemacht, wo den Rentnern von ihrem Überfluss noch etwas abgezwackt und den Massen kurzfristig unbeschäf­tig­ter, aber trotzdem im Genuss eines regelmäßigen Einkommens stehender Ruhr­kum­pel der Luxus ein wenig verkürzt werden kann oder wie es gelänge, dem Heer einfacher Arbeiter einige Bequemlichkeiten abzugewöhnen und sie mit den Tarifen und Arbeitsbedingungen des nahen und fernen Ostens unserer schönen globali­sier­ten Welt näher vertraut zu machen – mit dem Ziel, den Staatshaushalt in Ordnung zu bringen und dem internationalen Wettbewerb die Stirn zu bieten.)

Bismarck hat zuerst in die Richtung geantwortet, der Graf sei nur kurzfristig im Adlon einquartiert gewesen, etwas später meinte er aber, 500 Euro pro Nacht hätte er nicht bezahlen müssen, da ihm ein Rabatt eingeräumt worden sei – allerdings, wie man sieht, Argumente nach Bedarf und Beliebigkeit, da man Rabatt in der Regel nur bei Bezug pluraler Quantitäten oder Leistungen erhält, und nicht, weil man Politiker werden möchte. Manchmal erhält man Vergünstigungen auch, weil man schon Politiker ist: An einen fürstlichen Aufenthalt im Adlon werden sich auch der vorletzte Präsident der Deutschen Bundesbank Ernst Welteke und seine Familie dankbar erinnern. Bismarck hat diese unerhörten Äußerungen elegant zu seinem Vorteil umgemünzt und für seine Repliken immer wieder tüchtigen Beifall kassiert.

Aus nur kürzester Bekanntschaft kann der Verfasser gleich mehrere weitere Beispie­le der Beliebigkeit des noblen Herren zum besten geben: Vor drei oder vier Jahren hatte sich der Urenkel im Groß Grönauer Ortsverein der CDU vorgestellt, als Fürst Bismarck (was ihm namensrechtlich nicht zusteht, auch nicht seinem Vater, der seinen Vornamen Ferdinand geschickt mit „F.“ abkürzt) und neuer Kandidat für den Bundestag. Am selben Abend probte der Männerchor im Saal nebenan, und Bis­marck bat darum, sich den Sängern vorstellen zu dürfen. Und wo denn vielleicht der Schuh drücke: Der Flughafen möge bitte nicht weiter ausgebaut werden und dem bulgarischen Chorleiter solle nach Abschluss seines Studiums an der Lübecker Musik-Hochschule die Einbürgerung in Deutschland ermöglicht werden. Ohne lange zu überlegen, und von den Positionen seiner Partei deutlich abrückend, versprach der Kandidat, sich für beide Anliegen gerne einzusetzen. Die Herzen flogen ihm zu, und allenfalls Kleingeister hätten davon gesprochen, der angehende Politiker wollte sich beim Wählervolk einschmeicheln, um seine bevorstehende Karriere zu be­schleu­nigen. Vielleicht hat er seine Prinzipien bloß kurz vergessen – man kann aber auch nicht ganz ausschließen, dass er solche ablegt, sobald sie ihn bei der politi­schen Entfaltung stören. Exponenten der Groß Grönauer CDU haben sich ja eben­falls gegen den Ausbau des Lübecker Flughafens oder die Realisierung der Auto­bahn stark gemacht oder es unterlassen, diese Projekte offen zu unter­stützen, blind für deren wirtschaftliche Notwendigkeit, nur um sich beliebt zu machen.

Inzwischen mundtot, konnte sich der Abweichler der Schwarzenbeker Veranstaltung nun einiges durch den Kopf gehen lassen: Auch in einer Demokratie scheint es bei Stellenbesetzungen mehr auf den äußeren Schein oder auf die mediale Wirksamkeit anzukommen als auf Charakterstärke, Fleiß, Intelligenz und humanitäre Visionen. Ein­mal im Rampenlicht, mit einem geläufigen Namen, braucht man den Leuten nur noch ein wenig nach dem Mund zu reden. Mit der Vereinnahmung des Trägers eines fürst­lichen Namens stellt sich die CDU auf Augenhöhe mit der Regen­bogen­presse, die vom Hang der Einfältigen unseres Volkes profitiert, ver­meint­lich höhere Gesell­schaftsschichten anzubeten (weshalb dieser anachroni­sti­sche Adels­unfug bei uns nicht aus der Welt zu schaffen ist), oder mit der Mineral­wasser­firma, die für jedes Eti­kett mit dem berühmten Namen seines Urgroßvaters im Schilde eine bestimmte Anzahl Cents auf das gräfliche Konto leitet (womit vielleicht die Herberge in Berlin ab­ge­funden wurde). Aber bei dem schwachen Anklang, den die CDU in den Jahren nach Barschel in Schleswig-Holstein gefunden hat, greift man nach jedem Strohhalm.

Auf der Versammlung in Schwarzenbek wurde jedenfalls dem Nörgler das Wort abgeschnitten und er konnte gar nicht alle seine Bedenken äußern. Aber allein was ihm zur Sprache zu bringen gelang, war gar nicht so abwegig: Bei mehreren Gele­gen­heiten, einem geneigteren Publikum zu Gehör gebracht, hat er sogar vorwiegend Zustimmung erhalten. In einer Volkspartei wie der CDU findet sich trotz aller konser­va­tiver Grundeinstellung bestimmt noch ein kleiner Spielraum, wenigstens ein schma­les Spektrum an Meinungen – bei einer freien Erörterung hätte daher doch ein gewisser Prozentsatz der Anwesenden, sagen wir einmal 75%, die Sorgen des Auf­rührers ernst genommen. Der Saal ist jedoch durch die Moderation des Vorsitzenden auf Linie gebracht worden (der Protegierte wird sich zu gegebener Zeit wohl­wollend erinnern, und ihn auch bei der nächsten Einladung aufs Schloss nicht vergessen!).

Soeben ist man ja mit seinen Freunden in Kiel ans Regieren gekommen (im Sieges­tau­mel vergisst man schnell die ausschlaggebende Schützenhilfe der SPD aus Berlin), und wenn sich die Mehrheitsverhältnisse bald noch ein wenig verbes­sern, braucht man die Regeln der Demokratie vielleicht gar nicht mehr zu beachten. Dann kommt einer vielleicht wieder in Lebensgefahr, wenn er sagt was er denkt und gegen die Mehrheit Stellung bezieht. Für den Abweichler fand sich jedenfalls vor den neuen Hohepriestern kein einziger Fürsprecher, wie immer, wenn es darauf ankommt – aus Feigheit vor der Masse, oder aus Sorge um die Stellung in der Partei.

Bei der Auswahl politischer Repräsentanten müsste sich jeder ein genaues Bild von ihnen verschaffen können, das über den äußeren Anschein hinausgeht. Die Kandi­da­ten müssten es sich gefallen lassen, dass man über ihre Qualitäten frei diskutiert, ohne Druck, unlautere Einflussnahme oder Bevormundung durch eine Clique. Man erfährt aber nicht einmal die Schulnoten der Bewerber und bekommt keine Arbeits­zeug­nisse oder andere Belege des Könnens hergezeigt. Auch keinen Auszug aus dem Vorstrafenregister der Kandidaten (oder ihrer Verwandtschaft, sofern die Kandi­da­tur durch verwandtschaftliche Beziehungen legitimiert wird, wie in diesem Fall). Als ob es bei der Bundestagswahl um eine belanglose Besetzung ginge! Kein Wunder, dass da keine akzeptable Politik herauskommt und alle nur auf der Stelle treten. Wenn bei EUROIMMUN das Führungspersonal genauso nachlässig und inkompetent oder protektionistisch (eine Hand wäscht die andere) ausgesucht würde, könnten wir nicht auf eine so erfolgreiche Firmenentwicklung zurückblicken. Bei uns muss jeder Bewer­ber alle Zeugnisse vorlegen, und er wird von Experten bis ins Kleinste ausge­fragt, und nicht von Dilettanten ausgewählt, wie bei einem Verein von Kleingärtnern.

Das wäre doch ein Rezept für die Demokratie, zur Auflösung ihres ewigen Dilemmas der Inkompetenz und zur Überwindung des Mittelmaßes: Die Abgeordneten-Stellen werden ausgeschrieben wie Führungspositionen in Universitäten oder Industrie­be­trie­ben. Ein unabhängiges Expertengremium stellt die Qualität der Bewerber nach objektiven Kriterien sicher, selegiert mehrere Kandidaten und präsentiert sie dem Wählervolk, bevor dieses die Stimmen abgibt.

In Schwarzenbek sah es eher so aus, dass sich eine Clique schon auf den Wunsch­kandi­daten festgelegt hatte. Um die Formen der Demokratie zu wahren, wurden ein paar chancenlose Alternativen vorgeschoben. Und niemand durfte durcheinander bringen, was so schön eingefädelt war! Einer der fünf Bewerber, der dieses üble Spiel im letzten Augenblick ebenso wie der Verfasser durchschaut hatte, ist auch gleich resigniert von seiner Alibi-Funktion zurückgetreten.

Es ist anzunehmen, dass der Querulant diesem Kreis bald entsagen wird, damit es ihm nicht auch noch angelastet werden kann, dass sich die CDU demnächst viel­leicht sogar mit waschechten Aristokraten arrangiert und einen Hohenzollern aus dem Hut zaubert: Wir woll’n den alten Kaiser Wilhelm wieder haben! Aber bitte nicht schon wieder eine Zangengeburt: Da könnten wir auch Rot/Grün weiter regieren lassen.

Lübeck, 2005

Weihnachten 2003. Der US-Amerikaner: Die neue Krone der Schöpfung?

Im letzten September haben wir das Land der Verheißung besucht. Und gleichzeitig die vorerst letzte Gelegenheit genutzt, als Passagiere der Luft mit doppelter Schallgeschwindigkeit über den Atlantik zu schweben. Der großen Erwartung folgten aber herbe und tiefe Enttäuschungen. Daß die Concorde wegen eines Motorschadens auf halber Strecke wie ein normaler Airliner dahinschleichen und uns auf dem erstbesten Flughafen an der Ostküste wegen Treibstoffmangels absetzen mußte, haben wir ohne Murren hingenommen. Auch den rüden Sergeantenton des Grenzbeamten am Eingang der USA und den unfreundlichen Empfang im Hotel, wo wir, sechs Stunden zu spät, lange nach Mitternacht unsere Koffer über eine hohe, repräsentative Treppe selber tragen mußten. Aber wo immer wir hinkamen, wurde uns das Gefühl vermittelt, daß Deutsche zur Zeit in Amerika nicht besonders willkommen sind und daß sich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten in einer unglaublichen Arroganz verstiegen hat.

Es scheint eine große Strafaktion gegen Old Germany eingesetzt zu haben, seit Gerhard Schröder in der Irakfrage gekniffen hat, um seine Wahl zu gewinnen. Unsere Entschuldigungen haben nichts genützt: wir hätten gegen ihn gestimmt und auch nicht am Zweiten Weltkrieg teilgenommen. In den Zeitungen wird zur Zeit die Existenz Deutschlands totgeschwiegen – das Einzige, was wir in diesen zehn Tagen in der New York Times über Deutschland lesen konnten, dafür in aller Breite, war die Reportage über einen von Neonazis geplanten, aber vom Verfassungsschutz vereitelten Anschlag in München. Im Wachsfiguren-Kabinett der Madame Tusseaud wurde außer einem Autorennfahrer kaum ein Deutscher verewigt, nicht einmal Konrad Adenauer, Willi Brandt oder Helmut Kohl, denen kein amerikanischer Politiker an Größe das Wasser hätte reichen können.

Im New Yorker Hotel hat uns die Kulturfee gleich mal mit voller Absicht in ein Musical geschickt, wo es um das abgedroschene Thema der Judenverfolgung in Deutschland ging, dargestellt am Beispiel eines Obsthändlers („Herr Schulz Frucht“). Man muß sich fragen, warum die alten Sachen immer wieder aufgewärmt werden, die Kunst könnte doch heute auf dieses abgedroschene Thema ohne weiteres verzichten. Die Aufführung dieses Musicals ist Bestandteil einer dauerhaft angelegten konzertierten Aktion. Von New York aus wurde auch zum Beispiel die vorgebliche Diskussion um eine Entschädigung für Zwangsarbeiter gesteuert, ein halbes Jahrhundert nach Ende der Hitler-Diktatur. Als niemand mehr etwas davon hören wollte, fing man mit dem Nazigold an. Bevor eine Pause eintritt, wird ein neuer Holokaust-Film aus dem Hut gezaubert. Oder die Farbe für die Mahnmal-Stelen ist nicht koscher.

Man muß genau hinsehen, was dahintersteckt – wer hätte heute noch etwas von der Entschädigung, und die Gutmachung stünde in keinem Verhältnis zum erlittenen Unrecht. Es scheint, daß die Presse in New York von ewigen Stichlern dominiert wird, die durch ständiges und langatmiges Thematisieren längst vergangener Schuld späte Rache an Deutschland üben wollen. Hätte unsere Regierung ein bißchen mehr Verstand, ginge sie nicht darauf ein und geriete nicht mit jedem Abwehrversuch immer wieder in dieselbe Falle.

Meine Generation und unsere Kinder, wir haben nichts mit der Beschäftigung von Zwangsarbeitern zu tun und auch kein Gold gestohlen. Wir brauchen uns in diesen Dingen von niemandem etwas vorhalten zu lassen, weil wir frei von jeder Schuld sind. Wir wollen deshalb auch keine Steuern für Entschädigungsleistungen bezahlen. Wenn damals existierende Unternehmen noch etwas abzugelten haben, ist das nicht unsere Sache. Bereits zu Konrad Adenauers Zeiten wurden völkerrechtlich verbindliche Verträge abgeschlossen und sämtliche offenen Rechnungen beglichen.

In Washington unternimmt man mit speziellen Bussen Rundfahrten und läßt sich zu allen Sehenswürdigkeiten fahren: Weißes Haus (wird gerade von der deutschen Firma Leimfarben restauriert und angestrichen, weil die noch die besten Silikatfarben herstellen – den Auftrag für das Pentagon hat man vor kurzem storniert), Lincoln Memorial, Arlington Friedhof, wo Kennedy und seine Frau begraben sind, Kennedy-Center, Georgetown, Washington Memorial, Kapitol, mehrere Museen, darunter die National Gallery of Art und das Space Museum mit den Originalen vieler Raumkapseln. Hier steht auch (noch) ein Nachbau der deutschen Wunderwaffe V2 (ein Original des Vorbilds aller Weltraumraketen kann man im Deutschen Museum München sehen). Unter allen diesen Juwelen wurde im Stadtführer und vom Busfahrer auch auf ein Museum hingewiesen, das einen wesentlichen deutschen Beitrag zur Weltgeschichte zum Thema hat: das Holocaust-Museum. Die Abbildung im Reiseführer zeigte den bekannten Spruch vom Eingang des Konzentrationslagers Auschwitz: „Arbeit macht frei“.

Das Bild der Amerikaner von Deutschland scheint sich auf das Dritte Reich zu beschränken (sonst kennen sie nur noch einige deutsche Auto- und Biermarken sowie das Münchener Oktoberfest). Die vergangenen 59 Jahre werden im Bewußtsein dieser fernen Erdbewohner offensichtlich ausgeklammert. Bei einer Stadtführung durch Lübeck stellte mir neulich ein Wissenschaftler aus Kanada, auf dem Petri-Turm stehend, als erstes und einziges die Frage, ob alle diese Häuser da unten im Krieg zerstört gewesen seien. Er staunte, daß sie bereits wieder vollständig aufgebaut waren, so kurz nach dem Krieg. Wir haben ihn deshalb gleich in die Hamburger Oper mitgenommen und ihm ein Beispiel unserer inzwischen friedfertigen Kultur gegeben. Die Aufführung war so überragend, wie er es in Vancouver noch nicht erlebt hatte.

Man sollte Möglichkeiten finden, die einseitige und offenbar von Interessengruppen gelenkte selektive Wahrnehmung der Amerikaner auf die Vielfalt deutschen und europäischen Kulturpotentials zu lenken. Könnte man nicht ein Alternativ-Museum in Washington errichten, das große deutsche Leistungen präsentiert, von Komponisten, Dichtern, Philosophen (das wird die meisten Amerikaner nicht so interessieren), sowie von deutschen Entdeckern und Erfindern. Man sollte vor allem zeigen, daß sich Deutschland inzwischen zu einem verläßlichen modernen Land entwickelt hat, dessen heutige Bewohner (bis auf einen kleinen Rest) mit den Verirrungen des Dritten Reiches nichts zu tun haben.

Ich würde am liebsten auch ein zweites Museum einrichten: Eines, das die ganzen Dummheiten der Amerikaner im letzten Jahrhundert illustriert, ohne die es wahrscheinlich weder das Dritte Reich, noch den Kalten Krieg, einen Korea- und Vietnamkrieg, die chinesische Kulturrevolution und den Landraub in Palästina gegeben hätte. Das politische Handeln der USA war gekennzeichnet durch willkürliche Einseitigkeit. Aufgrund ihrer geographisch vorgegebenen Größe und abgegrenzten Lage konnten sie, ohne sich selbst wesentlich zu gefährden, überall nach Belieben in den Lauf der Welt eingreifen und den Ausgang vieler Konflikte entscheiden, wobei sie jeweils mehr oder weniger dilettantisch vorgegangen sind, immer mit dem guten Gefühl, daß ihnen zu Hause nicht viel passieren konnte. Nach Vollzug ihrer genialen einseitigen Aktionen haben sie sich wieder zurückgezogen und die Konfliktparteien sich selbst überlassen. Ohne es zu wollen, sind sie der Rolle des „Großen Satan“ in vollendeter Weise gerecht geworden, die ihnen von anderer, ebenso unsympathischer Seite zugeschrieben wird.

Warum haben die USA in den Ersten Weltkrieg eingegriffen und die Schicksalsgötter gespielt? Ihnen verdanken unsere tapferen Großväter ihre große Niederlage und unsere Eltern den Unsegen des Nationalsozialismus. Warum haben die USA es zugelassen, daß den Palästinensern das Jahrtausende von ihnen bewohnte Land entwendet wird! Wenn heute eine fremde Nation käme und würde uns aus Dresden, Berlin und Lübeck stoßen: Da würde auch ich Bomben legen und Hochhäuser in die Luft sprengen! Man hat sich gedacht, mit den Arabern kann man es machen wie zuvor mit den Indianern in Nordamerika.

Am Ende des zweiten Weltkrieges hätte man auch Stalin und die Sowjets beseitigen müssen, die zur gleichen Zeit in Polen eingefallen sind wie Hitler. Stattdessen überlassen Roosevelt und Truman dem mordgewohnten sowjetischen Teufel halb Europa und bringen die Welt an den Rand des Abgrundes. Der voraussehbaren Gefahr eines großen Atomkriegs waren übrigens wieder alle anderen, nur nicht die Amerikaner selbst ausgesetzt. Und daß ein solcher (bisher) nicht ausgetragen wurde (die unberechenbaren Russen verfügen immer noch über ein riesiges atomares Arsenal), haben wir vielleicht nur dem Zufall zu verdanken?

Vor 150 Jahren haben die Amerikaner noch Millionen Indianer getötet und ihnen ihr Land geraubt. Sie standen Hitler und Himmler in nichts nach. Noch weit nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben die Amerikaner ihre schwarzen Mitbürger als Menschen zweiter Klasse behandelt, einen von ihnen umzubringen, galt noch bis vor kurzem als Kavaliersdelikt.

Wenn man den US-Präsidenten und seine Landsleute heute beobachtet, findet man manche weitere Parallele zum Dritten Reich: Sie bezeichnen sich als Elitenation und behandeln die anderen Länder von oben herab (the former Außenminister Shulz said: “America and the rest of the world”). Ein Prospekt vom Empire-State-Building verwendet die Formulierung „The Capitol of the Capital of the World.“ Ich kann  mich allerdings keiner freien Wahl erinnern, in der New York zur Hauptstadt erkoren worden wäre. Amerikanische Soldaten seien die besten der Welt: Die Vorlage für diesen Spruch stammt von Adolf Hitler, den sich bei uns keiner mehr zum Vorbild nehmen will. Mit stolzen Gesten verschwören sie sich, indem sie die rechte Hand zwar nicht vorstrecken, aber an die Brust legen. Die Musik spielt dazu „God bless America“, das heißt so etwas wie „Amerika über alles”. Den übertriebenen Nationalstolz haben wir in Westeuropa längst abgestreift, in Deutschland schlagen nur noch ein paar kranke Hirne solche Töne an. Dabei gibt es keine entwickelte Industrienation mit so vielen sozial gefährdeten Existenzen, wie die USA. In Amerika fällt wochenlang der Strom aus, die Häuser stürzen bei der geringsten Einwirkung ein, und viele Städte sind dreckig und heruntergekommen. Da kann man schon froh sein, in Deutschland zu leben.

Man hüte sich davor, den USA zu weit entgegenzukommen und sich wissenschaftlich und wirtschaftlich zu sehr in ihre Abhängigkeit zu bringen. Niemand rechne mit den Tugenden Gerechtigkeitssinn, Gutmütigkeit und Mildtätigkeit dieser Nation, genauso wenig wie man sich auf die Friedfertigkeit der Sowjets hätte verlassen dürfen. Die USA werden, wo sie es nur können, ihre Macht zu ihren Gunsten und auf Kosten der anderen mißbrauchen und sie nach ihre Pfeife tanzen lassen. Gerade nach meinen jüngsten Beobachtungen erscheint mir das unterwürfige Verhalten vieler Deutscher sehr naiv. Es erinnert an einen Jungen, der sich alle Mühe gibt und in jeder Weise erniedrigt, um seinem großen Bruder zu gefallen, während der Große sich über den Kleinen lustig macht, ihn ausnutzt und links liegen läßt. Der Versuch der Anbiederung zeigt sich deutlich am Verrat an der eigenen Muttersprache: Erregt heute die feine Gesellschaft zur Zeit des Alten Fritz keinen Anstoß, die nicht Deutsch sprechen wollte und sich im gehobenen Kreise nur auf Französisch verständigte? In Wirklichkeit diente dieses Verhalten allein dazu, eine angebliche Überlegenheit zu signalisieren. Das gleiche findet man heute bei vielen Wissenschaftlern und Industrie-Managern, die jede Gelegenheit nutzen, mit ihren Englischkenntnissen zu prahlen, seit vielen Jahrzehnten auch bei der Jugend, der man aber diese Albernheit noch leichter verzeihen kann.

In mir ruft es Empörung hervor, wenn sich ein Mensch willkürlich über den anderen erhebt. Für mich darf es keine durch Stand oder Geschlecht oder Nationalität legitimierte Überlegenheit geben. Jeder einzelnen Person müssen in der Welt die gleichen Rechte zugebilligt werden. Kein Land darf über das Schicksal des anderen bestimmen. In diesem Lichte erscheint auch mir das Streben mancher zweitrangiger Politiker nach einem Europa der zwei Geschwindigkeiten oder nach einem Kerneuropa (das auch die Angelegenheiten der Kleinen in die Hände nimmt) als unerträgliche Arroganz (Altkanzler Kohl über Schäuble). Die Fußtritte werden wie gesetzmäßig von oben nach unten weitergegeben. Muß es immer wieder und allerorts Menschen und Völker geben, die sich über andere erheben und ihnen Vorschriften machen wollen?

Die Länder Europas sollten sich einigen und zu ihrer natürlichen Stärke finden, unter Zurückstellung überholter nationaler Interessen, damit unser Kontinent einst nicht von dem arroganten Amerika gänzlich beherrscht wird. Dabei müßte man nicht unbedingt auf England zählen, vor dem man sich vielleicht hüten muß wie vor einem trojanischen Pferd. Ich bin stolz, ein Europäer zu sein (und kein Amerikaner)? Das ist weder wahr noch wichtig: Ich bin stolz, mit meinen Kollegen zusammen im Dienste der Menschen in aller Welt auf dem Gebiet der Medizin Spitzenleistungen zu vollbringen!

Für EUROIMMUN war das vergangene Jahr wieder durch eine äußerst positive Entwicklung gekennzeichnet. Beispiele dafür sind auf wissenschaftlichem Gebiet wesentliche Fortschritte bei der Diagnostik des Lupus erythematodes und der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, hier ist es unter anderem im Rahmen einer Diplomarbeit gelungen, standardisierte Diagnostika für die Colitis ulcerosa auf der Basis von Immunfluoreszenz-, ELISA- und Blot-Techniken zu etablieren, es resultierte eine Patentanmeldung. EUROIMMUN hat in Zusammenarbeit mit dem Robert-Koch-Institut Berlin und einigen anderen Forschungseinrichtungen das erste Diagnostikum für die serologische Erkennung des SARS entwickelt und auf den Markt gebracht, das jetzt von allen wichtigen Zentren eingesetzt wird, die mit dieser Krankheit zu tun haben, und das dabei helfen kann, neue Ausbrüche zu verhindern. Es wurden zwei Gebrauchsmuster für die Blot-Technologie angemeldet, ein neues vollautomatisches System (EUROLineScan) zur Auswertung von Westernblots und Linienblots geschaffen und eine Software für die Organisation des serologischen Labors entwickelt, die uns selbst und unsere Anwender in die Lage versetzt, am Mikroskop ausgewertete Ergebnisse direkt in den Computer einzugeben – der Bleistift soll gänzlich abgeschafft werden (EUROLabOffice; als international tätiges Unternehmen verwenden wir auch viele Begriffe in englischer Formulierung, ohne dabei unsere Muttersprache zu verraten). Zunehmende Bedeutung erlangen unsere Sparten Konstruktion, Elektronik und Informationstechnologie, die uns die kompliziertesten Produktionsmaschinen geschaffen haben und jetzt mit neuen Technologien für die Anwender-bezogene Analytik aufwarten werden – neue Zugpferde für den weiteren kontinuierlichen Aufschwung.

Die Umsatzerlöse der EUROIMMUN AG sind 2003 auf 19 Millionen Euro gestiegen, von 16 Millionen Euro 2002. Der Jahresgewinn nach Steuern betrug 928.601 Euro, nach 481.347 Euro 2002. Die wirtschaftliche Lage ist stabil und günstig. Dazu hat maßgeblich die Beteiligung von Freunden und Mitarbeitern am Unternehmen beigetragen.

Lübeck, 2003

Nachtrag
Umsatz EUROIMMUN 2015: 200 Millionen, 2017: 284 Millionen