Weihnachts-Ansprache 2005: Das Wunder des 17. Juni

Weihnachts-Ansprache 2005

Das letzte Jahr ist nach meinem Gefühl schneller vergangen als jedes andere davor. Mir kommt es vor als wären unsere letzten Weihnachtslieder gerade erst verklungen, und wir sind schon wieder versammelt, um unsere Adventsfeier hier abzuhalten. Wie kann es sein, daß einem die Zeit so schnell vergeht? Die Erklärung ist, daß sich inzwischen so viel ereignet hat: Man ist gar nicht dazu gekommen, zu reflektieren. Thomas Mann hat dieses Phänomen einmal zum Gegenstand eines Romans gemacht, dem Zauberberg, wo er dargestellt hat, daß jemandem die Zeit so gar nicht vergehen will, in dessen Leben sich wenig ereignet. Wenn er aber gegen Ende seiner Lebensspanne zurückblickt, hat er das Gefühl, sein Leben sei sehr schnell zu Ende gegangen. Aber einer der viel erlebt hat, spürt das Umgekehrte, ihm kommt sein vergangenes Leben rückblickend länger vor (so lang wie der ganze Roman Zauberberg, an dem man mindestens ein halbes Jahr lang liest).

Also bei EUROIMMUN sind im Jahr 2005 so viele Marksteine gesetzt worden, daß wir diesen Zeitraum so schnell nicht vergessen werden. Es war ein ausgesprochen erfolgreiches Jahr, auf allen Ebenen. Es war auch ein Jahr der Ernte, in dem wir von unserer Arbeit aus den Vorjahren profitieren konnten.

Wir konnten nach fünf Jahren Aufbauarbeit in unser schönes Haus 5 einziehen, haben die Anbauten in Groß Grönau fertiggestellt, im Kasernengelände eine neue technische Infrastruktur geschaffen, also grundlegend die Stromversorgung, Heizung, Warm- und Kaltwasser und Abwasser neu geschaffen – Grundlage für die weitere Expansion des Unternehmens.

Die Konstruktionsabteilung hat im Zusammenwirken mit den Elektronikern und Informatikern der Firma mehrere komplizierte und Aufsehen erregende Maschinen und Geräte entwickelt, Beispiele sind die Gerätesysteme der Bestückungstechnolo­gie für BIOCHIPs, die von weltweit anreisenden Fachbesuchern immer wieder bestaunt werden, eine geniale vollautomatische optische Auswertungseinheit (EUROLINE­Scan) für Westernblots, die unseren Umsatz um Millionen angehoben hat, und eine völlig neue, bei uns erfundene Beleuch­tungs­einrichtung. Was die Reagenzien anbetrifft, haben wir unsere Produktpalette maßgeblich fortentwickelt. Wo immer wir die Möglichkeit haben, unsere Diagnostika vor­zu­füh­ren, zollt man uns große Anerkennung und bewundert die Aktualität des Produktspek­trums und die Leistungsfähigkeit unseres Unternehmens. Durch die Umwandlung des Unterneh­mens in eine Aktiengesellschaft und den auch wirtschaftlichen Erfolg hat sich die Eigen­kapi­tal­situation gravierend verbessert, und wir sind finanziell in ruhiges Fahrwasser gelangt.

Viele meiner Träume haben sich erfüllt. Einer davon war mir ganz besonders wichtig: Der Wiederaufbau unseres Haupthauses in Rennersdorf, das dritte Gebäude nach dem Spinnsaal und dem Nebengebäude.

Wir haben das Haupthaus unter Erhaltung der altehrwürdigen Mauern großenteils abreißen und neu erstehen lassen. Heute vor einer Woche konnten wir das Richtfest feiern. Dieses Haus wurde 1839 zum ersten Mal erbaut, der Tuchbereiter Wiedemann hatte sich hier seinen Traum erfüllt, für 3000 Reichstaler unter Aufnahme eines Darlehens eine schöne kleine Fabrik erstehen zu lassen. 1935 hat das Grundstück mein Großvater Paul Stöcker gekauft, mit dem Geld der Großmutter, nach meiner Kenntnis für 26.000 Mark. Opa hatte sein ganzes Geld für seine vielen Erfindungen ausgegeben. Er hat dort mit dem Spinnen von Erntebindegarn angefangen, in ganz kleinem Maßstab.

Mein Vater hat den Betrieb seit 1945 fortgeführt, nachdem er aus dem Krieg heimgekehrt war. Auch er hat von etwas geträumt, nämlich von einer Grobgarnproduktion in großem Stil. Er erfand dazu eine Knotenquetsche, die es ermöglichte, Bindegarnenden zu verwerten. Das war Abfall der Landwirtschaft, den man wegen der Knoten nicht ohne weiteres wieder verspinnen konnte. Die Maschine meines Vaters hat die Knoten zwischen zwei Zahnwalzen auseinander gerissen, und man hatte in der Rohstoff-knappen DDR-Zeit das beste denkbare Ausgangsmaterial zur Verfügung: Sisal aus Vorkriegsware. Das Stöcker’sche Erntebindegarn war daher das reißfesteste, das man in der DDR kriegen konnte. Die Bauern haben deshalb nach dem Krieg zur Erntezeit bei uns Schlange gestanden und uns in der schlechten Zeit ein bisschen verwöhnt. Es wurde dann eine 72-köpfige Spinnmaschine gekauft, dazu die ganzen vorgeschalteten Karden und Strecken. Wegen dieses eingegangenen Risikos haben meine älteren Verwandten meinen Vater alle für verrückt erklärt. Aber er hat Bindegarn in die ganze DDR geliefert und hatte die beste Qualität. Er musste sogar sein Geheimnis mit der Knotenquetsche preisgeben, die in Karl-Marx-Stadt mehrmals nachgebaut wurde. Die Grobgarn-Spinnerei bestand bis 1960.

Der Betrieb wurde nach unserem Wegzug nach Oberfranken vom Staat eingezogen und einer Textilfabrik in Olbersdorf zugeschlagen, bis 1990 war dort ein VEB und man hat Industrietextilien hergestellt. Mit etwas Diplomatie konnten wir das Grundstück vom Staat zurückerwerben, für inzwischen 175.000 DM, aber wir haben schon mehr als das Doppelte zusätzlich hineingesteckt.

Dass jetzt die Firma EUROIMMUN in Rennersdorf eine Niederlassung betreibt, die Gebäude wieder so schön hergerichtet werden und eine Wirkungsstätte für hundert Werktätige entstanden ist, hat wieder viel mit Träumereien zu tun. Als Kind habe ich auf dem Weg hinter dem Haupthaus Himbeeren gepflückt, in einem Sommer konnte man dort Krüge füllen,  und dort habe ich von einer großen Himbeerplantage geträumt, in Westdeutschland, wohin wir ziehen wollten, um am großen Wirtschaftswunder teilzuhaben.

Dort 1960 dort angelangt und erst einmal sozial richtig abgestiegen – keiner hieß die Flücht­linge willkommen, konnte man nur noch von seiner Heimat träumen, ich war damals wirklich davon überzeugt, sie im Leben nie wieder zu sehen. Dann war es aber doch möglich geworden, Verwandte in der DDR zu besuchen, zuerst uns Kin­dern, dann auch wieder den Eltern, meistens, wenn jemand aus der Verwandt­schaft verstorben war, und da musste ich beobachten, wie alle paar Jahre die Gebäu­de dort zunehmend verfielen. Einmal erhielt ich einen Platzverweis, etwa 1966, nachdem ich mich bei einem Verwandtenbesuch dort umgesehen hatte. Dann bin ich über den Heideberg auf meinen Weg hinter dem Haupthaus gegangen und habe wieder nur träumen können von einer fernen Zukunft, in der das Kreppel, in dem ich meine Kindheit verbracht hatte, wieder in den Zustand versetzt wird, der ihm gebührt.

Nach der Wende bin ich manchmal aus dem Schlaf erwacht und hing einem Traum nach, in dem die Fabrikgebäude frisch renoviert waren und grüne Bäume sie verzierten, ganz anders als es der Realität entsprach, zum Beispiel aus der Zeit von 1990, als der Schmuck rundum aus Kohlenhalden bestand und die Häuser schon nahe daran waren, ein Opfer der Abrissbirne zu werden.

Es war ein großes Glück, dass gerade im richtigen Augenblick die Firma EUROIMMUN einen Entwicklungsstand erreicht hatte, der ein Engagement in dieses Grundstück erlaubte. Einerseits mussten wir uns etwas vergrößern und haben sowieso mehr Platz benötigt, dann haben wir das Vertrauen mehrerer Sparkassen und Banken besessen und außerdem war immer etwas Gewinn wegzudrücken, den wir sonst hätten versteuern müssen. Staatliche Investitionszuschüsse haben wir zwar auch in Anspruch genommen, die gaben aber nicht den Ausschlag.

Da wir uns seit der Gründung des Unternehmens immer mit Renovierungsmaß­nah­men beschäftigt hatten und zunehmend Übung bekamen, Häuser herzurichten, haben wir also auch in Rennersdorf eine Baumaßnahme nach der anderen durch­ge­führt und erfolgreich abgeschlossen. Dabei geben wir uns viel Mühe, damit jeder, der bei EUROIMMUN tätig ist, auch Freude an der Arbeit hat und es ihm nicht graut, jeden Tag in die Firma zu gehen, in der man doch ein Drittel des Lebens verbringt. Früher litt ich manchmal an Alpträumen, bei denen völlig entgegen meiner Planung und in unzureichender Qualität gebaut wurde. Diese Alpträume sind inzwischen immer seltener geworden. Offenbar hat sich die Realität in meinem Unterbewusst­sein widergespiegelt, dass wir in der Lage sind, hohe architektonische Ansprüche zu erfüllen, anfangs vorwiegend aus eigener Kraft, seit einiger Zeit jedoch unter Mithilfe der professionellen Bauindustrie.

Unsere Geschichte hat gezeigt, dass ein Traum Wirklichkeit werden kann. Das unterscheidet einen Traum von einer Illusion, wie den Sozialismus oder den Kommunismus, für deren versuchte Umsetzung in die Realität wir in unserer Vergan­genheit einen hohen Preis entrichten mußten: Der real existierende Sozialismus war alles andere, als Karl Marx es sich vorgestellt hatte, er hat Ruinen geschaffen, für die unser Kreppel das beste Beispiel ist. Die sozialistische Planwirtschaft konnte Träume nur er­sticken, welche Kraft von Träumen ausgehen kann, das hat sie nicht bedacht. Das Datum des 17. Juni 1953 ist ein Symbol dafür, und man hätte lieber am Feiertag im Juni festhalten sollen, anstelle mit dem Tag der Wiedervereinigung zu tauschen.

In Rennersdorf ist eine Ruine wieder auferstanden – die anfangs in der DDR gespielte und dann wieder aus dem Programm genommene Nationalhymne „Aufer­standen aus Ruinen“ könnte man jetzt wieder einführen, da man ja „Deutschland über alles“ nicht mehr singen darf und will. Dank eines Traumes also, aber auch nur, weil sich so viele mit dafür eingesetzt haben, mit Fleiß, Mühe und Kunstfertigkeit, ist dieses altehrwürdige Gebäude in Rennersdorf wieder neu erstanden.

Ich wünsche Euch allen, dass auch viele Eurer Träume in Erfüllung gehen mögen. Sollte jemand mutwillig Eure Träume zu zerstören versuchen, befreit Euch von ihm, seien es politische Ideologen oder die Kirche, böswillige Ehepartner, Chauvinisten oder kapitalistische Ausbeuter! Haltet an Euren Träumen fest, dann werden viele davon einmal Wirklichkeit.

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