Familie

Weihnachts-Ansprache

Die gnadenreiche Zeit ist angebrochen, im Advent stimmen wir uns auf ein friedliches Weihnachtsfest ein. Alle erfreuen sich der jährlich wiederkehrenden Geburt des Jesus von Nazareth – uns zum Heil, ein Sohn gegeben! Es gibt Pfefferkuchen, Glühwein und viel Musik, darunter bereits seit vielen Jahren in Lübeck regelmäßig ein Kiwanis Benefizkonzert zugunsten bedürftiger Kinder.

Wenn Sie mich fragen: Christi Geburt ist nur eine Legende, von Märchenerzählern schön erfunden. Trotzdem stelle auch ich ganz freiwillig jedes Jahr einen Weihnachtsbaum auf, schmücke ihn, zünde Kerzen an und singe in meiner Firma und mit meiner Familie fromme Lieder. Einmal im Jahr ziehen wir uns zurück, kommen zu Ruhe und Besinnung, nehmen uns Zeit für Kinder, Angehörige und Mitmenschen, und rufen uns ins Bewusstsein, dass wir in unserer Familie den Mittelpunkt gefunden haben und mit Menschen befreundet sind, die wir schätzen – privat und an unserer Wirkungsstätte. Solches Glück immer wieder bei sich zu entdecken, bietet Weihnachten die Muße und die beste Gelegenheit – und die schön erfundenen Geschichten, die sich darum ranken, hören wir uns in Frieden an. Wir brauchen nicht ständig ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, das machen wir auch bei den anderen Märchen nicht, wenn wir sie unseren Kindern vorlesen. Wir ergreifen für die altruistischen Protagonisten Partei und nehmen uns an ihnen ein Beispiel.

Der Mensch muss Balance halten zwischen Egoismus und Selbstlosigkeit – die eine Kraft hilft uns, den täglichen Überlebenskampf zu bestehen und satt zu werden, von der anderen profitieren unsere noch zarten und schwachen Kinder – und manchmal auch andere hilfsbedürftige Mitmenschen. Kampfgeist und Beschützerinstinkt sind in jedem von uns angelegt, beide müssen zur Geltung kommen, damit wir glücklich durch das Leben gelangen. Man kann nicht immer Forte singen, zur Musik gehört auch das innige Pianissimo.

Also kämpft im ganzen Jahr und nehmt Euch was Ihr braucht und was Euch zusteht, aber zu Weihnachten gebt der Nächstenliebe Raum. Und macht aus der Adventszeit keine Hetzjagd und Schlacht um Geschenkartikel, sonst verkehrt sich das Wesen des Advents in sein Gegenteil. Setzt am Wühltisch im Kaufhaus keine Ellenbogen ein, rast nicht durch den Weihnachtsmarkt, drängelt nicht an jeder Schlange und ballt nicht gleich eine Faust, wenn man Euch einen Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hat. Lasst Euch vom Lübecker Einzel­handel nicht manipulieren und zum Konsum nötigen, der „den Namen des Herrn“ missbraucht: Bereits Anfang November werden die Lichterketten installiert und die Weihnachtslieder ertönen im Supermarkt, klingeling, sie wollen Euch ins Gewissen reden: Denkt an das Glück Eurer Kinder, vergesst nicht, Berge an Präsenten zu beschaffen, hier sind sie wohlfeil.

Hört aber auf Eure Herzen: Gebt den Kindern lieber von Eurer Zeit ab, wendet jedem nur ein oder höchstens zwei materielle Geschenke zu und vereinbart mit Ehegatten und Freunden, dass man ganz und gar auf Weihnachtsgaben verzichtet (die Hälfte kann man sowieso nicht gebrauchen und muss den Plunder dann im Januar wieder umtauschen). Bleibt in der Adventszeit länger zu Hause, zündet zu Kaffee und Stollen die jeweils obligatorische Zahl Kerzen an, schmückt den Weihnachtsbaum, singt Lieder, geht spazieren, spielt mit den Kindern oder lest ein schönes Buch, diesmal vielleicht keinen Kriminalroman mit zehn Toten.

De Welt is rein so sachen, as leech se deep in Drom, man hört nie ween noch lachen, se’s lisen as en Bom.

Das wul de Himmelsfreden, oahn Larm, un Strit, un Spott, dat is en Tid tum Beden, hör mi du frahme Gott, hör mi du frahme Gott.

Lübeck, 2010

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