Weihnachts-Ansprache 2007

„Ja ich will Euch tragen, bis zum Alter hin, und Ihr sollt einst sagen, dass ich gnädig bin.“ Liebe Gäste, liebe Kollegen! Das war ein Choral von Neithard Bethke, mit einem Text von Jochen Klepper. Die gnadenreiche Zeit ist angebrochen, davon kündet die anrührende Musik, die unser Gemüt erhebt und uns von Fehltritten abhält – jedenfalls solange wir hier still sitzen und den Klängen lauschen. Ein Beitrag unseres bewährten Solisten-Ensembles, Euch auf ein friedliches Weihnachtsfest einzustimmen.

„Ja, ich will Euch tragen.“ Im Choral verdichtet sich aufs Innigste Neithard Bethkes Gottver­trauen – als skeptischer Wissenschaftler kann ich nur staunen über solche Einfalt und Naivität. Die Musik trägt uns, ansonsten ist doch diese Botschaft, einem fiktiven Gott in den Mund gelegt, offensichtlich ein leeres Versprechen. Dieser Gott ist nicht gnädig und er trägt Euch nicht: Der lässt Euch fallen – nur darauf könnt Ihr vertrauen!

“Ich danke Dir, Du großer Gott“ werden die armen Seelen gerufen haben, die in New York aus dem Flammeninferno des World Trade Center gesprungen sind – von Adelers Fittichen sicher geführet, und unten hart aufgetroffen, erst dann wurden sie von dort weg-getragen. „Gott mit uns“, war das Motto der deutschen wie auch der französischen Grenadiere, die sich zur Adventszeit 1916 in den Schützengräben vor Verdun gegenseitig niedergestochen haben. „God bless America“ – und die Bomben fielen auf Dresden, Hiroshima und Bagdad. Zu Beginn dieses Advents tötete eine Mutter alle ihre fünf Kinder, gleich in unserer Nähe. Die Lübecker Nachrichten haben ausführlich darüber berichtet – dem lieben Gott dankbar für das sensationelle Thema, eine willkommene Anregung für Voyeure und Nachahmer -, und eine der genialsten Seelsorgerinnen unserer Zeit kam zu Wort, aus Lübeck, und Nutznießerin der Frauenquote: „Gott geht mit uns in Verzweiflung und Not, mit seiner Liebe, seiner Solidarität“. Mit den beiden Vätern und den fünf Kindern war er bestimmt nicht solidarisch, als er das veranlasste oder zuließ!

Die unermessliche Huld der Kirche findet mit solchen Bekundungen noch längst kein Ende, hochherzig warten ihre Apostel und Apostelinnen mit einer weiteren, großzügigen Verhei­ßung auf: Wer in diesem Jammertal von Gott vermeintlich im Stich gelassen wurde oder zu kurz gekommen ist, wird nach dem Tode reichlich Kompensation erhalten, mit Hilfe des Kindes aus Bethlehems Stall. Also freut Euch über jeden Schicksalsschlag und richtet Euer Leben fortan gottgefällig ein, zahlt Kirchensteuern, gehorcht dem Staat, gebt das Beste – Eure Freiheit – hin, lasst Euch von Eltern, Kindern und Arbeitgeber ausbeuten, haltet einem unwür­digen Ehepartner lebenslänglich die Treue und verzichtet auf tausend Dinge, die Spaß machen – da fällt mir als erstes der Zölibat ein, dessen Opfer sich für die fernere Zukunft einen Über­fluss an Nektar und Ambrosia erhoffen dürfen, manchem von ihnen vielleicht dargeboten von einem hübschen knabenhaften Messdiener. Aber wahrlich, ich sage Euch: Jene Asketen, die sich hiernieden der Befriedigung elementarster Bedürfnisse enthalten, um einen Logenplatz im Himmel zu erringen, werden wie alle anderen zu Staub zerfallen, und kein Gott braucht der bischöflichen Fürsprecherin Wartenberg-Potter Verlöbnisse einzulösen. Auch von den Terroristen des 11. September ist nichts übrig geblieben, und sie konnten nach ihrem letzten Flug nicht einmal mit einer der zehn versprochenen Jungfrauen eine rauschende Liebesnacht verbringen.

Was hilft uns da das kleine Kind, Jesus von Nazareth, das vor zweitausend Jahren geboren wurde – uns zum Heil, ein Sohn gegeben? Wahrlich: Auch dieses Kind steht uns nicht bei. In seinem Namen wurde soviel Unheil angerichtet wie nie zuvor in der Weltgeschichte: Denkt an die Kreuzzüge, die Inquisition, den Dreißigjährigen und viele andere Kriege, die Missionierung und Versklavung Afrikas, die Verbrennung so vieler wohlproportionierter Blondinen auf dem Scheiterhaufen und, aus gutem Grund, das über viele Epochen hin geltende Verbot wissenschaftlicher Grundlagenforschung. Die Menschen haben die Heils­geschichte ins Gegenteil verkehrt, das Christentum wurde zum Motor des Unheils, zur „Kraft, die stets das Gute will, doch nur das Böse schafft“. Und im Morden entwickelte sich die christliche zur bisher erfolgreichsten aller Religionen. Zurzeit versuchen allerdings religiöse Fanatiker anderer Glaubensrichtungen, die christliche Kirche zu überholen, und unsere Politiker lassen sie ohne Not in unser Land und finanzieren sogar ihre Verbrechen.

Hat das Jesuskind an allem Schuld? Unsinn! Es gab Millionen tugendhafter Menschen, die umgebracht wurden, vor und nach „Christi Geburt“, aber gerade diese Sagengestalt hat nie­mals den Boden unseres Jammertals betreten. Die Christuslegende ist nur eine Hypothese, und von ein paar Märchenerzählern schön erfunden, vielleicht von Aufwieglern oder Dema­gogen, die das späte Römische Reich destabilisieren wollten. Die Archäologen und Historiker konnten keine objektiven Zeugnisse aus jener Zeit finden, mit denen sich auch nur eine der Jesus-Episoden belegen ließe, wo man doch sonst zu jeder wichtigen Begebenheit der Weltge­schichte unzählige Fundstücke ausgegraben und detaillierte Erkenntnisse gewonnen hat. Die Legenden des Neuen Testaments wurden ein paar Jahrhunderte später ausgedacht, als mit den früher zur Verfügung stehenden Mitteln niemand mehr den Wahrheitsgehalt überprüfen konn­te! Deshalb wird auch keiner gleich nach seinem Ableben heiliggesprochen, damit Zeitgenos­sen nicht damit auspacken können, welcher Lump es war, der auf den Thron gehoben wird.

Viele Menschen denken wie ich, und auch die meisten Pfarrer sehen das Neue Testament als ein großes Märchenbuch an, wie Tausendundeine Nacht, sie trauen sich nur nicht, das zuzu­geben, damit sie ihren Job nicht verlieren, und weil sie den Angsthasen unter uns den Trost nicht verweigern wollen, die sich vor der kalten Friedhofserde fürchten. Man will die Wahr­heit gar nicht hören und verschließt ganz fest die Augen vor den Erkenntnissen moderner Naturwissenschaft, die jede Religion bloßstellen und in deren Licht alle übersinnliche christ­liche Überlieferung als haarsträubende Lügengeschichte erscheint.

Aber warum feiern wir dann heute noch Weihnachten? Und wie kann ich Euch jetzt wieder in friedliche Adventsstimmung versetzen? Ganz freiwillig stelle ich daheim jedes Jahr einen Weihnachtsbaum auf, schmücke ihn und singe mit meiner Familie, und heute mit Euch, fromme Lieder:

In unserem Karriere-Eifer und ehrgeizigen Streben sollten wir immer wieder Kampfpausen einlegen, um uns mit unseren Nächsten zu beschäftigen und sie nicht links liegen zu lassen oder ganz zu vergessen. Einmal im Jahr ziehen wir uns zurück, finden Zeit für Ruhe und Besinnung, und rufen uns ins Bewusstsein, welchen Glückes wir teilhaftig sind, etwa in unserer Familie und unserer Firma den Mittelpunkt gefunden zu haben, mit guten Menschen befreundet zu sein – privat und an eines jeden Wirkungsstätte. Solches Glück bei sich zu ent­decken, bietet Weihnachten die beste Gelegenheit, und die schön erfundenen Geschichten, die sich darum ranken, hören wir uns in Frieden an. Wir brauchen nicht ständig ihren Wahrheits­gehalt zu überprüfen, das machen wir auch bei den anderen Märchen nicht, wenn wir sie unseren Kindern vorlesen. Wir ergreifen für die altruistischen Protagonisten Partei und nehmen uns an ihnen ein Beispiel.

Der Mensch muss Balance halten zwischen den Kräften Egoismus und Altruismus – die eine Kraft hilft uns, den täglichen Überlebenskampf zu bestehen und satt zu werden, die andere ist gekennzeichnet durch Selbstlosigkeit, Opferbereitschaft und Beschützerinstinkt – davon profi­tieren unsere noch schwachen Kinder. Kampfgeist und Harmoniebedürfnis sind in jedem von uns angelegt, beide müssen zur Geltung kommen, damit wir glücklich durch das Leben gelan­gen. Man kann nicht immer Forte singen, zur Musik gehört auch das innige Pianissimo.

Im ganzen Jahr kämpft und nehmt Euch was Ihr braucht und was Euch zusteht, aber zu Weih­nachten gebt vor allem der Nächstenliebe Raum. Und macht aus der Adventszeit keine Hetzjagd und Schlacht um Geschenke, sonst verkehrt sich das Wesen des Advents in sein Gegenteil. Setzt am Wühltisch bei C&A keine Ellenbogen ein, um rechtzeitig noch alles zu schaffen, drängelt nicht an jeder Schlange und lasst die Faust in der Hosentasche, wenn man Euch einen Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hat. Lasst Euch vom Lübecker Einzel­handel nicht manipulieren und zum Konsum zwingen, der „den Namen des Herrn“ miss­braucht: Bereits Anfang November ertönen die Weihnachtslieder im Supermarkt, klingeling, sie wollen Euch ins Gewissen reden: Denkt an das Glück Eurer Kinder, vergesst nicht, Berge an Präsenten zu beschaffen, hier sind sie wohlfeil.

Hört aber auf mich: Gebt den Kindern lieber von Eurer Zeit ab, wendet jedem nur ein oder höchstens zwei materielle Geschenke zu und vereinbart mit Ehegatten und Freunden, dass man ganz und gar auf Weihnachtsgaben verzichtet (die Hälfte kann man sowieso nicht gebrauchen und muss den Plunder dann im Januar wieder umtauschen).

Bleibt in der Adventszeit öfter mal ein wenig zu Hause, zündet zu Kaffee und Lebkuchen die jeweils obligatorische Zahl an Kerzen an, schmückt an den Feiertagen den Baum, singt ein paar Lieder, geht spazieren, spielt mit den Kindern oder lest ein schönes Buch, diesmal vielleicht keinen Kriminalroman mit zehn Toten.

De Welt is rein so sachen, as leeg se deep in Drom, man hört ni ween noch lachen, se’s lisen as en Bom. Das wul de Himmelsfreden, ahn Larm, un Strit, un Spott, dat is en Tid tum Beden, hör mi du frame Gott, hör mi du frame Gott.

Lübeck, 2007

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